Kommentar zum umstrittenen Hype

Kreative Hommage oder respektlose Kopie? Was wir von KI-Bildern im Ghibli-Look halten

Aktualisiert:

von Martin Haldenmair

Social Media Accounts wie die von joacod, Nifemi Ogundare und Jonathan teilen die computergenerierten Illustrationen im Ghibli-Stil.

Bild: X / Pinterest


Schier zahllose Bilder im Stil des japanischen Animatiosstudios Ghibli fluten seit einigen Tagen Social Media. Verantwortlich dafür ist eine neue Funktion in Chat-GPT, die erlaubt, Bilder in verschiedenen Versionen neu zu zeichnen. Das führt auch zu massiver Kritik, nicht nur in Sachen Copyright.

Am 25. März veröffentlichte OpenAI ihre neue Bilder generierende KI, die direkt in Chat-GPT integriert ist. Mit ihr kann nun jede:r mit einem entsprechenden Account Bilder erstellen oder vorhandene Motive in andere Stile übersetzen lassen, darunter auch in den des weltberühmten Anime-Studios Ghibli.

So viele Ghibli-artige Bilder entstanden in kurzer Zeit, dass der CEO der Firma, Sam Altman, auf X (wenngleich wohl ein wenig im Spaß) schon meinte, dass ihnen die Grafikprozessoren schmölzen und (das wiederum ganz ernsthaft) sie den Zugang zu dem Feature beschränkten.

Die Aktion löst indes gemischte Reaktionen aus. Einige meinen, nun werde Kunst für mehr Menschen zugänglich und erfahrbar. Andere sehen das Urheberrecht gefährdet - da ja offenbar vorhandene Werke verarbeitet werden mussten, um die künstliche Intelligenz zu trainieren.

Am lautesten ist die Kritik, dass die KI Kunst nicht befreie, sondern sie beliebig mache. Es ist wohl wirklich an der Zeit, dass wir uns als Gesellschaft dazu eine Meinung bilden, denn die Technologie wird nicht mehr verschwinden.

Zunächst: Ist denn der Hype gerechtfertigt?


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Die KI zeichnet wie ein Mensch, der Ghibli zeichnen möchte

Tatsächlich trifft die KI den Stil erstaunlich gut. Bisher produzierten die künstlichen Intelligenzen zwar Bilder, die dem Stil Hayao Miyazakis, des Mitbegründers des Studio Ghibli, nur auf den ersten Blick nahe kamen. Auf den zweiten waren sie zu glatt, zu poliert und gleichzeitig zu detailarm. Miyazakis Bilder wirken umgekehrt oft zunächst skizzenhaft und offenbaren auf den zweiten Blick einen dynamischen Fluss und einen sehr genauen Blick auf Situationen und Menschen, ihre Gesichter und ihre Körpersprache.

Die neueste Version der KI schafft nun diese menschlichere Ebene. Gerade beim Übersetzen von Memes, die ja schon von Anfang an sprechende Momente sind, ist genau die richtige Zahl an Details enthalten.

Die KI erreicht noch nicht wirklich Miyazaki-Niveau, aber kommt dem eines Menschen nahe, der Bilder im Miyazaki-Stil zeichnet. Und davon gibt es viele, schließlich hat Ghibli zahllose Fans. Und Fans spielen bei Anime ja gern mit den Werken ihrer Helden.

KI-Animation ist eine Beleidigung für das Leben selbst.

Hayao Miyazaki

Es geht nicht um Striche, es geht um Respekt

Warum also die Aufregung? Wenn ein Mensch als Fan Miyazaki mit Pinsel oder mit Mousepad kopieren darf, ohne dass wir das Ende der Kreativität gekommen sehen, warum dann nicht auch mit Algorithmushilfe?

Zum Stil des Studio Ghibli gehören nun mal nicht nur die Striche und die Farben, sondern eine Philosophie. Miyazaki und der schon verstorbene Mitbegründer Takahata interessieren und interessierten sich für das Menschliche.

Jede ihrer Geschichten, und seien sie noch so phantastisch, ist von einem tiefen Verständnis für das menschliche Wesen geprägt. Die Filme entstehen seit 2004 komplett per Handarbeit. In Dokumentationen, in denen Miyazaki mit anderen Zeichner:innen und Animator:innen spricht, wird klar, wie frustriert er sein kann, wenn sie die Natur dessen, was sie zeichnen, nicht verstehen. KI nannte er gar eine "Beleidigung für das Leben selbst".

KI - zumindest diese - versteht nicht. Sie hat - wahrscheinlich - Unmengen Bilder von Miyazaki gefunden und verdaut und trifft nun Wahrscheinlichkeitsaussagen, was wohl am besten zu unseren Anfragen passen mag.

Dies sind zweifellos sehr gute Wahrscheinlichkeitsaussagen, aber eben solche ohne Verständnis.

KI ist nicht zwingend eine Beleidigung für das Leben, sondern vielmehr ein Werkzeug. Doch dieses hier einzusetzen, zeugt von großer Respektlosigkeit gegenüber dem Original. Mit Werkzeugen müssen wir achtsam umgehen.

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